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2016

Männer, Gesang und die Bohnen: 150 Jahre ein Verein

MGV Harmonia Olfen gründete sich am 5. Februar 1866 / Am Wochenende ist Jubiläum / Wie es war, wie es ist - und was es mit der Bohne auf sich hat

1866

Was war da los auf dem Marktplatz, als der Männergesangverein Harmonia Olfen vor 50 Jahren sein Hundertjähriges feierte: Hunderte Gäste, Olfener, befreundete Männergesangvereine und Chöre aus der Region, sie alle kamen, um dem Verein von 1866 zu huldigen. Heute ist der MGV einer der ältesten Vereine überhaupt in Olfen. Die Mitglieder, rund 30 Männer, wissen um diese Geschichte. Am Wochenende feiern sie das. Aber was genau? Wie entstand der MGV? Was prägte ihn über die Zeit?

Dazu treffen wir uns mit Mitgliedern – dem amtierenden Vorstand und einigen anderen – im „Paot“. Unter anderem in dieser Kneipe ist der Männergesangverein zu Hause. Wir wollen wissen: Warum sind sie, die sie hier sitzen, heute im MGV? Was macht den Chor aus? Es ist das, was Chorsänger immer sagen: Singen entspannt. Eine Probe nach einem stressigen Tag – und es dauert nur ein paar Minuten, Einsingen und das erste Stück, und man ist entspannt. Man gibt sich der Musik hin. War das auch vor 150 Jahren schon so?

1866, im Jahr, als Hermann Löns geboren wurde und Theodor Märklin starb, als es einen Preußisch-Deutschen Krieg gab, als Olfen eine Ansammlung einiger Bauernhöfe und Handwerker-Häuser war, da „circulierte“ ein Aufruf bei etwa 20 Bürgern, verfasst von Herrn Pricking: „Auf vielseitigen Wunsch zur Gründung eines vierstimmigen Männer-Gesang-Vereins in hiesiger Stadt“, schrieb er, „ersuche ich nachstehende Herren ich ganz ergebenst, behufs allgemeiner sowie spezieller Berathung p. p. hinsichtlich dieser Angelegenheit künftigen Montag den 5. Februar präcise ½ 9 Uhr in hiesiger Knabenschule gefälligst erscheinen zu wollen.“

So trafen sich an einem Februarstag die Herren Schwieters und Pricking, der Gesangslehrer war, mit anderen Männern gleicher Gesinnung: Die Vereinschronik besagt, dass auch Zumbusch, Averbeck, Zumbohm, Pennekamp, Rose, Homann, Kersting, Bomberg, Sulzer, Schlüter, Wilming, Bisping und Ensberg zugegen waren, als man Vikarius Zumbusch zum Vorsitzenden eines Vereins wählte, den sie Harmonia nannten. 18 Statuten umfasste die Satzung, die die Herren unterschrieben: dass Übungsstunden montags um halb 9 stattfinden, bei Kerzenlicht. Und wie viel sie zahlen mussten pro Monat und pro Probe. Es war die Zeit, als das noch in Silbergroschen geschah.

Die D-Mark kam, die D-Mark ging. Der MGV Harmonia von 1866 blieb. Bis heute. Herbert Rotte ist mit 77 Jahren einer der dienstältesten. Er kam 1959 dazu, also vor 57 Jahren. Das ist gefühlt ewig, aber doch „nur“ ein Harmonia-Drittel. Er erzählt gern davon im Kreise seiner Sangesbrüder, was der Beweggrund war: „Ich war 21 Jahre alt und vorher im Knabenchor. Ich wollte da einfach rein – auch wenn das schon damals in diesem jungen Alter ungewöhnlich war“, so Rotte. Denn auch damals noch, so wie in der Gründerzeit, war es so, wie Karl Surholt es schildert: „Der MGV war mehr oder weniger der Interessenverein selbstständiger Olfener: Handwerker, Bauern, Akademiker, Lehrer, Kaufleute. Die waren dabei“, sagt er. Dabei ist er selbst einer, der in der dritten Generation Harmonia-Mitglied ist: Sein Ur-Ur-Großvater Josef, sagt er, war ein frühes Mitglied. Er selbst kam vor 51 Jahren dazu: Das 100-Jährige stand bevor. „Mein Onkel war schon einige Jahre dabei und mein Schwager Berni“, so Surholt. Er lehnt sich etwas vor auf seinem Stuhl: „Wenn du noch mal singen willst, dann fang jetzt an“, hätte Berni ihm gesagt. Er habe geworben, angestachelt von „Manager“ Leonard Walterbusch, wie Herbert Rotte ergänzt. „Der hat damals die jungen Leute reingezogen.“ Viele kamen neu dazu, 45 sangen zum Jubiläum. Unter ihnen: Karl Surholt.

So ganz einfach war das mit der Aufnahme nicht: Es gab ein Ritual. „Es kam zur geheimen Abstimmung“, sagt Karl Surholt. Es sei ja nicht jeder rein gekommen. „Mit schwarzen und weißen Bohnen: Wenn eine schwarze Bohne in der Dose war, wurde der Mann nicht aufgenommen.“ Ergebnis bei Karl Surholt: nur weiße Bohnen. So viel Zuwendung genoss Herbert Rotte nicht: „Bei mir war eine schwarze Bohne drin“, sagt er. Aber Leonhard Walterbusch, der Werber, habe gesagt: „So geht das nicht! Dann haben wir zum Jubiläum keine Leute mehr.“ Wenige Jahre später änderte der MGV seine Satzung: Das Bohnen-Ritual war Geschichte. Herbert Rotte war von 1999 bis 2011 Vorsitzender des Chores. Heute ist er Ehrenvorsitzender.

Er ist „der Alte“, die jüngsten sind ausgerechnet der musikalische Leiter Dirk Franek (46), jüngster Sänger Thorsten Kirstein (51): Seit dem 1. April 2014 dabei, fragen wir auch ihn, was ihn bewogen hat, in diesem Männerklub mitzumachen. „Ein aktiver Sänger sprach meine Frau Ute an“, erzählt er. Seine Frau? „Ja, ob sie Interesse hätte, mittwochabends ihren Mann loszuwerden.“ Das war Dienstag. Am Mittwoch drauf war er dabei. Die Frage zur Aufnahme: Wo singst du? „Karaoke auf der Spielkonsole“, antwortete Kirstein. Er habe nie in einem Chor gesungen. „Aber singen unter der Dusche, das kann ich.“ Später am Abend kam er nach Hause. „Ich sagte zu Ute: Da gehe ich jetzt öfter hin.“

 

Maenner

 

So überdauerte der Verein die Jahre, Jahrzehnte, zwei Jahrhundertwenden. Zwei Weltkriege, als das Singen zeitweise zum Erliegen kam. Dirk Franek, den die Herren hier am Tisch sehr loben für seine musikalischen Qualitäten und seine Begeisterungsfähigkeit, ist der 15. Chorleiter. Sie sangen stets, sie spielten jahrelang Theater, sie gingen auf Ausflüge, verlebten gesellige Tage – auch zusammen mit ihren Frauen.

Heinz Leitmann, amtierender Vorsitzender, sagt aber: „Wer zu uns kommt, mag den Klang eines reinen Männerchors.“ Frauen kommen hier nicht rein. Die Stimmlagen sind 1. und 2. Bass, 1. und 2. Tenor. Holger Planz, erst seit wenigen Jahren dabei, sagt: „Die hohen Stimmen sind in Chören aus meiner Sicht oft zu stark – ich habe mir bewusst einen Männerchor gesucht.“ Er habe 30 Jahre lang immer mal wieder Anwerbeversuchen standgehalten und „Nein“ gesagt. Vor drei Jahren sei ihm ein „Ja“ über die Lippen gerutscht. Er sei zu einer Probe mitgegangen und habe schon nach 14 Tagen dieses 30-jährige Nein bereut.

Neben Holger Planz hat der MGV heute 28 weitere aktive Sänger. Die kommen sehr zuverlässig zu den Proben: Bei 85 Prozent liegt die Beteiligungsquote. Davon können andere Chöre nur träumen. Und das, obwohl es diese rigiden Regeln von einst nicht mehr gibt: „Kommt ein Mitglied fünf Minuten zu spät, zahlt er einen halben Silbergroschen, über eine halbe Stunde einen Silbergroschen“, hieß es in den Statuten zur Gründung des MGV Harmonia Olfen von 1866. Und: „Während der Gesangsstunde darf nur mit Bewilligung geraucht und getrunken werden. Wer verstößt, zahlt 1 Silbergroschen.“

Hundert Jahre nach dem Verfassen dieser Regeln war der größte Festtag in der MGV-Geschichte. Ein großes Festzelt stand dort, wo heute die Stadthalle steht. Weil die Sänger wussten, dass die Akustik darin schlecht ist, konstruierten einige findige Handwerker aus der Gruppe eine Chor-Muschel. Dafür gab der spätere Bürgermeister Wilms Platz in seiner Halle ab. Man berechnete die Statik des Zeltes: Hält eine solche Konstruktion überhaupt? Einmal kam sie zum Einsatz: um das Hundertjährige gebührend zu feiern. Ein großer Festakt war auch das Zusammentreffen der Chöre und Gruppierungen der Region. „Brüder, reicht die Hand zum Bunde“: Diese Sängerbund-Hymne hallte aus Hunderten Männerkehlen über den Marktplatz. 100 Jahre MGV: Auch schon 50 Jahre her.

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